Interview mit Christian Wiemer

Christian Wiemer ist der Vorsitzende der Fachgruppe Korrosionsschutz-Beschichtungsstoffe im VdL und leitet in vierter Generation als Geschäftsführer ein Familienunternehmen mit 130-jähriger Firmenhistorie. Wiemer kennt die immer komplexeren Anforderungen, die Möglichkeiten und Vorteile innovativer Produkte.

Christian Wiemer ist der Vorsitzende der Fachgruppe Korrosionsschutz-Beschichtungsstoffe im VdL und leitet in vierter Generation als Geschäftsführer ein Familienunternehmen.

Christian Wiemer ist der Vorsitzende der Fachgruppe Korrosionsschutz-Beschichtungsstoffe im VdL und leitet in vierter Generation als Geschäftsführer ein Familienunternehmen.

Herr Wiemer, mit der Kampagne „Korrosionsschutz kann mehr“ will der VDL die Bedeutung von Korrosionsschutz hervorheben. Welche gesellschaftliche Bedeutung haben Beschichtungsstoffe für eine moderne Industrienation?
Da braucht es z. B. eine intakte Infrastruktur. Gerade die Schäden, die an Stahlbauwerken durch Korrosion verursacht werden, führen immer wieder zu langen Staus und Sperrungen bis hin zum Ersatzneubau von Objekten. Tragwerke öffentlicher Gebäude, Gittermaste für die Stromversorgung, Eisenbahn- und Straßenbrücken, Rohrleitungen für Öl und Gas, Chemieanlagen, Kraftwerke – diese und weitere Stahlkonstruktionen sind Voraussetzung für unser gewohntes, alltägliches Leben und müssen dauerhaft vor Korrosion geschützt werden, damit ein sicherer Betrieb und das Funktionieren unserer Industriegesellschaft ermöglicht werden. Dies ist allerdings mit ganz erheblichen Kosten verbunden. In Deutschland belaufen sich diese auf rund 90 Milliarden Euro pro Jahr. Darin sind die systematische Überwachung, die Reparatur defekter Bauteile und die damit verbundenen Stilllegungen von Anlagen und Infrastruktur enthalten. Deshalb entwickeln die Hersteller von Beschichtungsstoffen immer leistungsfähigere Beschichtungssysteme mit höherer Schutzdauer zur effizienten und nachhaltigen Erfüllung vielfältiger Anforderungen.

Welche Anforderungen werden heute an Beschichtungssysteme gestellt?
Sowohl im Neubau wie auch im Sanierungsfall werden beim Korrosionsschutz von Stahlkonstruktionen komplexe Anforderungen an die Beschichtung gestellt, die aus technischer, optischer und wirtschaftlicher Sicht zu erfüllen sind. Bereits in der Planungsphase müssen die Ansprüche, die sich aus den Normen und Spezifikationen ergeben, beachtet und hinsichtlich der Umgebungsbedingungen und Schutzdauer umgesetzt werden. Beschichtungsstoffe bieten auch viele optische Gestaltungsmöglichkeiten. Von der Flugwarnmarkierung von Sende-masten über die Gestaltung von großen Brückenobjekten bis hin zur filigranen Designarchitektur – durch die Auswahl der richtigen Beschichtung wird für lange Zeit eine Farbbrillanz sichergestellt und unsere Umgebung dauerhaft verschönert.

Was ist das Besondere an Korrosionsschutz-Beschichtungsstoffen?
Ihre Vielseitigkeit in Anwendung und Design. Vom rot-weiß-gestreiften Leuchtturm an der Küste bis zum goldglänzenden Luxushotel in den Bergen – den Möglichkeiten in der farblichen Gestaltung sind keine Grenzen gesetzt. Moderne Beschichtungssysteme trotzen den sich ständig verändernden äußeren Einflüssen, wie Extremwetterlagen aufgrund des Klimawandels, starken Belastungen durch Streusalz auf Brücken oder der maritimen Umgebung einer Bohrinsel im Meer. Durch immer effizientere Verarbeitbarkeit und schnellere Härtung der Materialien stellen sie die wirtschaftlichste Lösung für den Korrosionsschutz. Im Schnitt muss z.B. der Korrosionsschutz von Brücken alle 30 bis 40 Jahre erneuert werden. Durch den Einsatz aktueller Technologien ist sogar noch eine längere Schutzdauer möglich. Dieser nachhaltige Schutz spart im Hinblick auf stetig steigende Baukosten immense Geldsummen.

Welche langfristigen Auswirkungen haben Korrosionsschutzsysteme auf unsere Umwelt?
Die Anforderungen an moderne Beschichtungsstoffe sind kurz zusammen-gefasst: Umweltfreundliche Rohstoffe und Materialien mit längerer Schutzdauer. Das gesamte Beschichtungssystem muss – von der Verarbeitung, über die komplette Schutzdauer bis hin zum Sanierungsfall – umweltschonend sein. Bereits seit Jahrzehnten liegt daher der Fokus auf der Entwicklung lösemittelreduzierter bzw. löse-mittelfreier Produkte. Studien haben gezeigt, dass der Einsatz länger schützender Beschichtungssysteme einen sehr positiven Einfluss auf die Kohlendioxid-Bilanz hat.

Warum sind flüssige Beschichtungsstoffe die erste Wahl zum Schutz vor Korrosion?
Zu jedem hochwertigen Korrosionsschutzsystem gehört ein Reparaturkonzept, um kleinflächige Schäden, die z.B. durch Transport und Montage entstanden sind und ein erhöhtes Potenzial für Korrosion bieten, wirkungsvoll ausbessern zu können. Bei Sanierungen bestehender Bauwerke sind flüssige Beschichtungsstoffe die einzige Technologie, die durch Streichen, Rollen oder Spritzen direkt vor Ort eingesetzt werden kann. Ob Ecken, Kanten oder große Flächen – der Korrosionsschutz mit Beschichtungsstoffen weist einen hohen Grad an Flexibilität in der Verarbeitung auf. Jeder Anwendungsfall kann durch den Einsatz des optimalen Beschichtungssystems gelöst werden.

Die Fachgruppe hat die vergangenen Monate an einer neuen aktualisierten Auflage der bekannten Broschüre Korrosionsschutz gearbeitet und will sie demnächst zusammen mit dem Bundesverband korrosionsschutzveröffentlichen. Wen möchten Sie damit erreichen?
Unsere Aufgabe ist es, uns und unsere Produkte stets so weiterzuentwickeln, dass wir unseren Beitrag zu einer intakten Infrastruktur leisten und gleichzeitig der Verantwortung für die Sicherheit unserer Mitmenschen und der Umwelt gerecht werden. Außerdem verstehen wir als Fachgruppe es als unsere Pflicht, den Anwendern im Bereich Korrosionsschutz die theoretischen Grundlagen und aktuellen Richtlinien weiter zu geben. Deswegen erscheint Anfang 2020 die neue Fachbroschüre zum Korrosionsschutz, die beim VdL kostenfrei erhältlich sein wird.